Gedanken zum Lockdown…

Heute habe ich eine Petition zur Beendigung des Lockdowns gelesen, gestartet von einer ärztlichen Kollegin. Ich muss gestehen, ich bin dankbar für diese Stimmen der Vernunft gegen Maßnahmen, deren psychosoziale Folgen mehr Lebensjahre zu kosten drohen als die Pandemie. Sie mögen zu Beginn sicher gerechtfertigt gewesen sein, haben sich aber scheinbar verselbständigt und erscheinen auch mir angesichts der Zahlen nicht mehr verhältnismäßig.

Nur einige Stichpunkte:

Ich kenne in München, einer der am stärksten von Covid19 betroffenen Regionen, viel mehr Menschen, deren Existenz durch die Maßnahmen bedroht ist, als an Covid Erkrankte. Gleichzeitig überlegen die Kliniken schon, wie sie die vielen leerstehenden Intensivbetten füllen, um den wirtschaftlichen Schaden zu minimieren.

Der Lockdown bedeutet für Familien sich gute Wohnverhältnisse und hochwertige Ernährung nicht mehr leisten zu können. Selbständige stehen mit dem Rücken zur Wand, Angestellte sind von Kurzarbeit betroffen und von Arbeitsplatzverlusten bedroht. Gastronomie, Hotels, Kultur – da herrscht völlige Perspektivlosigkeit. Staatliche Hilfen fangen das nur unzureichend auf. Mal abgesehen davon, dass noch niemand weiß, woher die Gelder kommen sollen. Von der fehlenden Bildungsgerechtigkeit abgesehen wird die Verminderung des Lebensstandards ebenso wie zunehmende Aggressionen in den Familien, Suchterkrankungen und Depressionen zu weitreichenden gesundheitlichen Folgen führen. Suizide absichtlich nicht eingerechnet.

Dazu könnte man noch über die erwiesene Verkürzung der Lebenserwartung durch soziale Isolation gerade für ältere Menschen diskutieren. Eine ketzerische Frage: Haben wir eigentlich gefragt, ob Bewohner von Pflegeheimen um jeden Preis geschützt werden und dafür auf liebevolle Zuwendung verzichten wollen? In der Psychiatrie dürfen wir akut schizophrene, nicht einsichtsfähige Patienten nicht ohne richterliche Zustimmung behandeln. Halten wir Pflegeheimbewohner grundsätzlich für nicht entscheidungsfähig?

Ich leugne nicht die Pandemie und nicht die Todesfälle. Jeder einzelne ist tragisch. Dennoch sollte es in Demokratie und Wissenschaft möglich sein zu fragen und zu diskutieren, was jetzt noch verhältnismäßig ist und wieviel mehr Erkrankungen und Todesfälle wir durch die Aufrechterhaltung des Lockdowns provozieren. Eine komplexe Situation sollte auch komplex und interdisziplinär betrachtet werden. Nur ein Denkanstoss…

Ihnen allen einen schönen Abend, Gesundheit und anhaltenden Optimismus!

Eike Treis-Hoffmann

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