November 2014: »bis die Wolken wieder lila sind«

Diesmal fällt das Zitat etwas länger aus als gewohnt. Der Text, den Julia Engelmann auf dem Bielefelder Poetry Slam 2013 vorgetragen hat, ist zu gut, um ihn zu kürzen. Deshalb hier zum Nachlesen und im Original hören:

lila Wolken

Julia Engelmann: One day/Reckoning Text

https://www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein

und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Wer ich bin?

Ich bin der Meister der Streiche, wenn’s um Selbstbetrug geht,

ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben steh.

Bin ein entschleunigtes Teilchen, kann auf keinsten was reißen,

lass mich begeistern für Leichtsinn – wenn ein anderer ihn lebt.

Ich denke zu viel nach, ich warte zu viel ab,

ich nehm mir zu viel vor,
und ich mach davon zu wenig.

Ich zweifle alles an,
halte mich zu oft zurück,

ich wäre gerne klug –
allein das ist ziemlich dämlich.

Ich würde so vieles sagen, aber bleibe meistens still, weil – wenn ich das alles sagen würde,

wär das viel zu viel. Es gibt zu viel zu tun,

meine Listen sind so lang,
ich werd das eh nie alles schaffen,

also fang ich gar nicht an.

Und eines Tages, Baby, werde ich alt sein, oh Baby, werde ich alt sein

und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

Stattdessen?

Stattdessen häng ich planlos vorm Smartphone, wart bloß auf den nächsten Freitag.

»Ach, das mach ich später«
ist die Baseline meines Alltags.

Ich bin so furchtbar faul
wie ein Kieselstein am Meeresgrund.

Ich bin so furchtbar faul,
mein Patronus ist ein Schweinehund.

Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf.

Mein Dopamin – das spar ich immer, falls ich’s noch mal brauch.

Und du?

Du murmelst jedes Jahr neu an Silvester
die wieder gleichen Vorsätze treu in dein Sektglas.

Und Ende Dezember stellst du fest, dass du recht hast,

wenn du sagst, dass du sie dieses Mal schon wieder vercheckt hast.

Dabei sollte für dich doch schon 2013
»das erste Jahr vom Rest deines Lebens« werden.

Du wolltest abnehmen, früher aufstehen, öfter rausgehn, mal deine Träume angehn, mal die Tagesschau sehen

für dein Smalltalk-Allgemeinwissen. Aber so wie jedes Jahr,

obwohl du nicht damit gerechnet hast, kam dir wieder mal der Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft uns auf.

Unser Dopamin – das sparen wir immer, falls wir es später brauchen.

Wir sind jung und haben so viel Zeit, warum soll’n wir was riskieren?

Wir wollen keine Fehler machen, wollen auch nichts verlieren.

Und es bleibt so viel zu tun, unsre Listen bleiben lang, und so geht Tag für Tag ganz still ins unbekannte Land. Aus »Das mach ich später« wird »Ach, das mach ich später«

wird »AHHHH, das mach ich später!« wird jetzt.

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir werden alt sein

und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Und die Geschichten,
die wir dann stattdessen erzählen,

werden traurige Konjunktive sein wie –

»Einmal wär ich fast einen Marathon gelaufen und hätte fast die Buddenbrooks gelesen,

und ich wär mal beinah
»bis die Wolken wieder lila« waren noch wach gewesen,

fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehen, wir sind die Gleichen,

und dann hätten wir uns fast gesagt, wie viel wir uns bedeuten« –

werden wir erzählen.
Und dass wir bloß faul und feige waren,

das werden wir verschweigen und uns heimlich wünschen,

noch ein bisschen hierzubleiben.

Wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp – und das wird sowieso passieren –

dann erst werden wir kapieren, wir hatten nie was zu verlieren.

Denn das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen.

Also los!, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen.

Also!

Lass uns nachts lange wach bleiben,
aufs höchste Hausdach der Stadt steigen,

lachend und vom Takt frei
die allertollsten Lieder singen!

Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehen, wie sie zu Boden reisen,

und die gefallenen Feste feiern,
»bis die Wolken wieder lila sind«!

Lass mal an uns selber glauben, ist mir egal, ob das verrückt ist!

Wer genau guckt, sieht,
dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.

Wer immer wir auch waren,
lass uns werden, wer wir sein wollen.

Wir haben viel zu lang gewartet, lass uns Dopamin vergeuden!

»Der Sinn des Lebens ist Leben« – das hat schon Casper gesagt.

»Let’s make the most of the night« – das hat schon Ke$ha gesagt.

Lass uns möglichst viele Fehler machen und möglichst viel aus ihnen lernen,

lass uns jetzt schon Gutes säen, damit wir später Gutes ernten!

Lass uns alles tun, weil wir können und nicht müssen,

jetzt sind wir jung und lebendig, und das soll ruhig jeder wissen!

Lass uns uns mal demaskieren
und dann sehen, wir sind die Gleichen,

und dann können wir uns noch sagen, dass wir uns viel bedeuten!

Denn unsere Tage gehen vorbei – das wird sowieso passieren –

und bis dahin sind wir frei,
und es gibt nichts zu verlieren. Das Leben, das wir führen wollen,

wir können es selber wählen. Also los, schreiben wir Geschichten,

die wir später gern erzählen!

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein

und an all die Geschichten denken – die für immer unsere sind.

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