Gemeinsam wachsen

(c) Eike Hoffmann

Vor kurzem fiel mir ein Zitat ins Auge, das ich hinterfragen möchte:

Wenn du gleichzeitig zwei Menschen liebst, wähle den zweiten, denn wenn du den ersten richtig lieben würdest, gäbe es keinen zweiten.

Johnny Depp

Stimmt das? Ist es wirklich so einfach? Mir scheint das ein Versuch zu ein, die Komplexität in einer schwierigen Situation zu reduzieren, ohne sich mit ihr wirklich auseinandersetzen zu müssen.

Wenn man „lieben“ gleichsetzt mit Verliebtsein, dann stimmt die Aussage. Solange wir im Rausch der Verliebtheit nur Augen für den anderen haben und uns selbst ganz vergessen, wird gar nichts anderes Platz haben im Leben. Verliebtheit ist ohne Zweifel ein schöner, aber eben auch ein rauschhafter Zustand. In dieser Phase dominiert der Neurotransmitter Dopamin das Gehirn, ein Botenstoff, der tatsächlich auch beim Drogenkonsum freigesetzt wird. In der Folge schweben wir zwar auf Wolke Sieben, sind aber eben auch wie abwesend, unkonzentriert, gar nicht richtig ansprechbar. Dieser Zustand kann nicht aufrechterhalten werden.

Eine Möglichkeit besteht darin, sich bei Nachlassen der Verliebtheit sofort wieder in jemand anderen zu verlieben und sich, wie im Zitat beschrieben, gleich dem neuen Partner zuzuwenden, weil ja der alte nicht der richtige gewesen sein kann, da doch das Verliebtsein nachgelassen hat und Platz gemacht hat für „den zweiten“. Auf diese Weise kann man von Rausch zu Rausch immer wieder neu auf die Suche gehen. Und wird immer wieder enttäuscht werden: Unser Hirn ist für Dauer-Rauschzustände einfach nicht gemacht.

Außerdem verpasst man so die Liebe: jene tiefe Vertrautheit, jene Wärme und Geborgenheit, die sich erst im Laufe der gemeinsamen Zeit einstellt. Das klingt für Sie wenig verlockend? Eher langweilig und spießig? Dann kennen Sie vermutlich folgende kleine Geschichte:

Ein Ehepaar sitzt am Tag der Goldenen Hochzeit am Frühstückstisch. Wie immer gibt der Ehemann der Gattin den oberen Teil der aufgeschnittenen Semmel. Diesmal aber greift die Gattin auf seinen Teller und sagt: „Weißt du, an diesem besonderen Tag möchte ich mir doch den unteren Teil nehmen, den ich so liebe. All die Jahre habe ich dir aus Liebe den Vortritt gelassen, nur heute möchte ich nicht darauf verzichten.“ Erstaunt erwidert der Mann: „Wenn ich das gewusst hätte! Ich hätte immer gerne den oberen Teil gehabt. Ich habe ihn dir aus Liebe gegeben und all die Jahre darauf verzichtet!“

Diese Geschichte erzählt viel über Gewohnheit. Gewohnheit sollte nicht mit Vertrautheit verwechselt werden. Denn hier liegt eine Falle für jede Partnerschaft: Wenn ich davon ausgehe, dass ich mein Gegenüber in- und auswendig kenne, immer schon im Vorhinein weiß, was er sagen wird, zu wissen glaube, was er braucht und was ihm gefällt, geht jede Spannung verloren. Dann entsteht Langeweile. Solche Annahmen führen zu Nachlässigkeit, zu ungewollten Verletzungen und zu Streitigkeiten. Erst recht dann, wenn – wie in der Geschichte – auf eigene Wünsche zu Gunsten des Partners verzichtet wurde.

Dabei können wir nie wirklich wissen, was in einem anderen Menschen gerade vorgeht. Bleiben Sie neugierig! Sehen Sie Ihren Partner bewusst an. Was sehen Sie? Was bewegt ihr Gegenüber? Gibt es gerade Ärger mit Kollegen, Stress am Arbeitsplatz oder in der Familie, gibt es Gründe für Freude und Dankbarkeit, die Sie miteinander teilen können?

Ein, vielleicht sogar das Geheimnis langer glücklicher Partnerschaft heißt Achtsamkeit: Achtsamkeit für die Bedürfnisse des Partners und Achtsamkeit für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen. Teilen Sie Ihre Gefühle, Ihre Sorgen, Ihre Freude und Ihre Träume! Und schauen Sie ganz genau hin, wenn es „einen zweiten“ gibt! Machen Sie es sich nicht in Hollywood-Manier zu einfach. Ergründen Sie, was Sie in der bestehenden Partnerschaft hält, was sie schätzen, was Ihnen wichtig ist, und genauso, was Sie stört, was Sie gern ändern möchten. Schauen Sie sich dann an, was an der neuen Liebe so toll ist und was Bestand haben kann, wenn der Rausch vorbei ist. Nutzen Sie die Chance zu persönlichem Wachstum! Denn in einer vertrauensvollen Partnerschaft können sich beide weiterentwickeln, reifen und gemeinsam wachsen.

Dazu möchte ich zum Abschluss einmal mehr den von mir sehr geschätzten Gestalttherapeuten Jorge Bucay zitieren:

Solange wir glauben, die Liebe könnte uns retten,  all unsere Probleme lösen und uns in einen Dauerzustand von Glück und Sicherheit versetzen, sitzen wir weiterhin Phantasien und falschen Vorstellungen auf – was die wahre Kraft der Liebe, die Kraft, uns zu verändern, lediglich schwächt.

Dabei gibt es nichts Aufschlussreicheres, als auf dieser Grundlage mit jemanden zusammenzusein, nichts Außergewöhnlicheres, als die eigene Veränderung an der Seite der geliebten Person zu spüren.

Statt in einer Beziehung Zuflucht zu suchen, sollten wir uns lieber ihr Potential zunutze machen und uns von ihr wachrütteln lassen, wo wir eingeschlafen sind und vor dem nackten und direkten Kontakt mit dem Leben ausweichen – ihr Potential, uns Beine zu machen und uns vor Augen zu führen, wo wir uns weiterentwickeln müssen.

Damit unsere Beziehungen gedeihen, müssen wir sie anders sehen: als eine Reihe von Möglichkeiten, unser Bewusstsein zu erweitern, eine tiefere Wahrheit zu entdecken und in einem vollständigeren Sinn menschlicher zu werden.

Und wenn ich mich in ein vollständigeres Wesen verwandle, das zum Überleben nicht eines anderen bedarf, so werde ich bestimmt einem anderen, ebenso vollständigen begegnen, mit dem ich teilen kann, worüber wir als Individuen jeweils verfügen. 

Darin eben liegt der Sinn des Paares: nicht in der Rettung, sondern in der Begegnung. Ich begegne dir. Du mir. Ich mir. Du dir. Wir den anderen Menschen.

Aus J. Bucay: Liebe mit offenen Augen. Fischer Taschenbuch Verlag, 4. Auflage 2012

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