Zum Workaholics Day

Am 5. Juli ist „Workaholics Day“, ein Tag der daran erinnern soll, dass Arbeit nicht das Einzige im Leben ist. Wie die Ärztezeitung vom 02.07.18 berichtet, haben nach Angaben der Kaufmännische Krankenkasse Burnout-Fälle seit 2006 um 134% zugenommen, bei den 45- bis 59-jährigen Männern sogar um über 300%. Das klingt erschreckend. Woran liegt das?

Natürlich kann man diskutieren, ob nicht einfach nur ein Tabu gefallen ist und sich deshalb viel mehr Menschen dazu bekennen, ausgebrannt zu sein und Hilfe zu benötigen. Vielleicht spielen auch die Arbeitsverdichtung, die ständige Erreichbarkeit und die Beschleunigung durch die immense Menge an Informationen auf allen Kanälen eine Rolle. Sind wir alle zu anspruchsvoll geworden, zu Spaß-orientiert? Haben nicht Generationen vor uns viel härtere Lebensbedingungen gehabt? Sicher spielt das Erwartungsmanagement eine Rolle: Wenn es selbstverständlich ist, dass Monat für Monat Geld auf dem Konto landet, wir ein Dach über dem Kopf und immer genügend zu essen haben, in unserem Land Frieden herrscht, wir unbeschadet auf die Straße gehen können und jederzeit eine gute kostenlose medizinische Versorgung bereitsteht, tragen all diese Dinge nicht dazu bei, Glücksgefühle auszulösen. Wenn es immer noch mehr sein muss, mehr Geld, mehr Status, ein schnelleres Auto, ein größeres Haus, die perfekte Beziehung, die erfolgreichsten Kinder, kann sich eine Unzufriedenheit einstellen, die langsam aber sicher in die Depression führt. Dann ist es nämlich nie gut genug.

Das gilt auch für den eigenen Leistungsanspruch: Wenn es nie genug ist, wenn immer noch ein nächster Karriereschritt notwendig ist, wenn die Arbeitsmenge und die aufgewendete Zeit als Maß dafür gelten, wie wertvoll ein Mensch ist und wenn wir der ständigen Selbstoptimierung hinterherlaufen, kann sich keine innere Ruhe mehr einstellen. Andauernde Höchstleistung ohne Regeneration funktioniert aber nie – nicht im Leistungssport und nicht im Arbeitskontext. Egal ob es die Sorge vor dem Karriereende ist, die Sorge nicht mehr dazuzugehören, die Angst, den Kindern nicht genug bieten zu können oder nicht mehr respektiert und anerkannt zu werden, als Looser und Weichei dazustehen – Angst ist nie ein guter Ratgeber!

Wenn Sie also das Gefühl haben, keine Zeit mehr zum Luftholen zu haben, immer noch sooo viel zu tun zu haben, ist der Workaholics Day eine gute Gelegenheit, einmal innezuhalten und sich zu fragen. „Wofür tue ich das eigentlich? Was ist mir wichtig im Leben? Wofür möchte ich wie viel meiner Zeit aufwenden? Und was bringt mein Herz zum Singen (wie Robert Betz es formulieren würde)?“ Denn wenn man mitten drin steckt, kann das Hamsterrad wie eine Karriereleiter aussehen. Und doch in die Sackgasse führen, in der man plötzlich auf einem Posten mit hohem Ansehen und tollem Gehalt, aber auch ziemlich einsam mit 70-Stunden-Woche und ohne Familie und Freunde dasteht. Und sich – vielleicht besonders im Alter zwischen 45 und 60 – fragt, ob das alles so gut war.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Einer Arbeit nachzugehen, sich Herausforderungen zu stellen und daran zu wachsen, sich weiterzuentwickeln, das stiftet Sinn im Leben, ermöglicht Selbstwirksamkeitserleben und macht zufrieden. Gar nichts zu tun, macht sicher nicht glücklich. Niemals Muße zu haben aber auch nicht! Wir brauchen ganz dringend Zeiten zum Seele-baumeln-lassen, um uns spüren zu können, um zur Ruhe zu kommen, unsere innere Mitte wiederzufinden und daraus Kraft und Kreativität schöpfen zu können. Und wir brauchen den Blick auf all die kleinen Wunder, die unseren scheinbar so stressigen Alltag bereichern: den Sonnenstrahl auf dem Tautropfen, das Lächeln Ihres Kindes, das nette Wort der Nachbarin und die Rose, deren Duft den Garten erfüllt. Und wenn wir dabei diese tiefe innere Freude spüren können, die Verbundenheit mit allem in der Natur, dann kann die Rose manchmal wirklich wichtiger sein als das Stück Brot…

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