Kürzlich bin ich beim Lesen im Guardian auf einen Artikel zum Thema Autumn Anxiety gestoßen. Angst vor dem Herbst? Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Aber was ich las, leuchtete mir ein:
An den letzten Spätsommerabenden, wenn die Hitze noch einmal flirrt, das Licht diesen goldenen Schimmer bekommt, und wir ahnen, dass es vielleicht der letzte Abend des Jahres sein wird, an dem wir lange draußen sitzen, noch einmal in den See springen, diese herrlich gelassene Urlaubsstimmung um uns herum genießen können – da mischt sich doch ein Tropfen Wehmut in den Genuss.

Was aber, wenn ich das Gefühl hätte, der Sommer wäre an mir vorbei gegangen, ich hätte so viel verpasst, so viel mehr tun können oder sollen? Verständlich, dass das Ende des Sommers dann eine Form von Angst auslöst. Ein „Oh, ist der Sommer schon vorbei? Ich wollte doch noch so gerne…“.

Selbst wenn man den Eindruck hat, so vieles nicht getan oder verpasst zu haben in diesem Sommer – stimmt das wirklich? Falls ja, kann ich das zum Anlass nehmen, die nächsten Jahreszeiten bewusster wahrzunehmen und mir zu gestatten mehr kleine Auszeiten zu nehmen. Vielleicht ist es aber gar nicht so. Vielleicht ist es der Anspruch, genährt von all den Hochglanzbildern auf Insta und co., der so gar nichts mit dem echten Leben und seinen täglichen Herausforderungen zu tun hat. Es tut gut, sich das bewusst zu machen! Und mit Dankbarkeit Revue passieren zu lassen, welche schönen Erlebnisse und kleinen Begebenheiten diesen Sommer geprägt haben.
Auch ich bin sehr gern so viel wie möglich draußen, im Garten, am See, in den Bergen. In der freien Natur bin ich kreativer und produktiver, ich schaffe einfach mehr und finde leichter in den Flow. Deshalb kann ich das Bedauern über das Ende des Sommers gut nachfühlen. Diese Leichtigkeit, die sich an schönen Tagen breit macht: die Menschen lächeln leichter, man hört häufiger Lachen, kommt öfter ins Gespräch. Man nimmt sich eher Zeit zu verweilen. Denkt man dagegen an nasskalte Herbsttage, stürmischen Wind, der einem den Regen ins Gesicht peitscht, wenn jeder versucht möglichst rasch ins Trockene zu kommen und kaum dabei kaum einmal den Blick hebt – das erfüllt nicht gerade mit Vorfreude.


Mit den kürzer werdenden Tagen kann allein aufgrund der verringerten Lichtexposition die Stimmung leiden (Zum Herbstblues bzw. der saisonalen Depression: https://ehcoach.com/2022/10/28/neuer-artikel-zum-herbstblues-online/ https://ehcoach.com/2021/11/12/novembergrau-oder-herbstfreuden/).
Aber muss uns der nahende Herbst deshalb mit Angst erfüllen? Sicher nicht! Wir können die Angst einladen, ihr zuhören. Was genau ist es eigentlich, dass dieses ungute Gefühl auslöst? Die Rückkehr an den Arbeitsplatz, in die Uni oder Schule? Dann ist es Zeit etwas zu unternehmen! Was kann ich selbst tun, um mit mehr Schwung hinzugehen? Wie kann ich den Alltag so gestalten, dass ich mehr Freude daran habe? Kann ich zum Beispiel mehr auf andere zugehen oder im Gegenteil sollte ich gesündere Grenzen setzen? Und falls das Umfeld wirklich zu viel Energie raubt, ist es vielleicht Zeit für eine Veränderung?
Und schließlich können wir die Veränderung der Jahreszeiten akzeptieren als Teil des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen, in dem das Vergehen bereits die Grundlage für das Neue beinhaltet. Dann können wir den Herbst sogar willkommen heißen – als eine Zeit für gemütliche Abende daheim, für Spaziergänge durch raschelndes Laub, für eine überwältigende Farbenfülle in der Natur und herbstliche Aromen in der Küche. Und das zaubert anstelle des ausgelassenen Sommerlachens ein nicht weniger wunderbares, sanfteres, warmes Lächeln ins Gesicht.






