Das verlorene Pferd in den Bergen

Aus Nossrat Peseschkian: Steter Tropfen höhlt den Stein, Fischer Taschenbuch Verlag 2012

(c) Eike Hoffmann 2010

Ein alter Mann mit dem Namen Chunglang, das heißt „Meister Felsen“, besaß ein kleines Gut in den Bergen. Eines Tages begab es sich, dass er eins von seinen Pferden verlor. Da kamen die Nachbarn, um ihm zu diesem Unglück ihr Beileid zu bezeugen. Der Alte fragte: „Woher wollt ihr wissen, dass das ein Unglück ist?“

Und siehe da: Einige Tage darauf kam das Pferd wieder und brachte ein ganzes Rudel Wildpferde mit. Wiederum erschienen die Nachbarn und wollten ihm zu diesem Glücksfall gratulieren. Der Alte vom Berge aber versetzte: “ Woher wollt ihr wissen, dass es ein Glücksfall ist?

Seit nun so viele Pferde zur Verfügung standen, begann der Sohn des Alten eine Neigung zum Reisen zu fassen, und eines Tages brach er sich das Bein. Da kamen sie wieder, die Nachbarn, um ihr Beileid zum Ausdruck zu bringen. Und abermals sprach der Alte zu ihnen: „woher wollt ihr wissen, dass das ein Unglücksfall ist?“

Einige Zeit darauf erschien die Kommission der „Langen Latten“ in den Bergen, um kräftige Männer für den Stiefeldienst des Kaisers und als Sänftenträger zu holen. Den Sohn des Alten, der noch immer seinen Beinschaden hatte, nahmen sie nicht mit.

Chunglang musste lächeln.

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